Solidarität mit Querdenkern?

Mit großem Schrecken habe ich die Berichte von Leipzig in diesen Tagen wahrgenommen: „Was geht in diesen Menschen vor?“ Irgendwas scheint gerade mächtig aus den Fugen zu geraten und das macht mir Angst. Aber weil Angst noch nie ein guter Ratgeber war, habe ich einen Versuch gewagt und möchte Euch mit einer kleinen Geschichte zu einem Perspektivwechsel einladen.

Eine kleine Geschichte

Gertrud ist 66 Jahre alt. Sie hat zwei Söhne groß gezogen, hat ihr Leben lang hart gearbeitet und ihre Steuern gezahlt. Mit Politik hatte sie bisher noch nicht so viel am Hut, außer einmal – da war sie auf einer Friedenskundgebung. Aber sie ist immer brav wählen gegangen und hat ihr Kreuzchen bei einer der Volksparteien gemacht. „Klar ist nicht alles perfekt in unserem Land.“ hat sie immer gesagt, aber sie fühlte sich relativ gut aufgehoben. Ausreichend informiert fühlte sie sich obendrein: Sie haben die lokale Zeitung abonniert und seit 40 Jahren schauen sie und ihr Mann jeden Abend die Tagesschau.

Nun lässt sich in den letzten Jahren immer schlechter unter den Teppich kehren, dass unsere Demokratie ihre Schwachstellen hat. In Schulen, Schwimmbädern und in der Pflege fehlt das Geld, gleichzeitig tun sich Betrugsfälle und Skandale von unfassbarem Ausmaß im Finanzwesen auf. Auch lässt sich nicht leugnen, dass es Menschen und Konzerne gibt, die über genügend Kapital verfügen um auf unser demokratisches System (z.B. in Form von Lobbyismus, Parteispenden) einzuwirken und dass auch die meisten unserer Medien in irgendeinem Abhängigkeitsverhältnis (z.B. Auflage, Besitzstruktur) stehen und damit oftmals nicht wirklich neutral und ausgewogen berichten.

Anders als Gertrud bin ich mir seit vielen Jahren über diese Schwachstellen bewusst. Ich habe mir angewöhnt Informationen kritisch zu hinterfragen und mir zusätzliche Quellen einzuholen. Statt „der Politik“ blind zu vertrauen bin ich selber politisch wirksam geworden und nehme mein demokratisches Recht selbst in die Hand, um diese Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

Gertruds Leben steht Kopf

Gertrud hat „denen da oben“ und auch den Medien bisher relativ viel Vertrauen in ihrem Leben geschenkt. Und dann kam Corona: Dieser Virus scheint ein heftiger Katalysator zu sein, denn er macht ganz unerbittlich sichtbar was schon lange in unserer Gesellschaft im Argen liegt. Gertrud ist völlig entrüstet, verletzt und enttäuscht: „Wem kann ich denn jetzt noch Vertrauen?“ In den sozialen Medien trifft sie auf Menschen denen es genauso geht. Menschen die ihr zuhören, die ihre Sorgen und Ängste teilen, bald hat sie in dieser Bewegung Freunde gefunden. Und so wächst aus der Enttäuschung, Entrüstung, Angst und Wut vieler Einzelner eine gemeinsame Wut und (weil der Mensch eben nun mal so tickt) auch schnell gemeinsame Gegner. Inhalte in Form von Berichten, Interviews und Beweisbildern werden geteilt. Wie ein fehlendes Puzzlestück kann sich Gertrud plötzlich die Unstimmigkeiten im System erklären, also teilt sie selber diese Inhalte. Sie berichtet von einer Elite die die Gesellschaft zu kontrollieren versucht. Von einem Bill Gates der im Namen dieser Elite Impfstoffe verteilt, mit denen Mikrochips implantiert werden. Alles um „Das System“ am Laufen und das Volk unter Kontrolle zu halten.

Ich lese diese Berichte und sie jagen mir eine Gänsehaut über den Rücken. Im Frühjahr kann ich sie noch ignorieren, aber in den Kommentaren erkenne ich, dass immer mehr Menschen auf diese Horrorgeschichten einzusteigen scheinen. Gleichzeitig entwickelt sich in den Kommentarleisten zunehmend ein erbitterter Kampf: Auf der einen Seite die, die Menschen wie Gertrud pauschal als verrückte „Verschwörungstheoretiker“, „Schwurbeler“ oder rechts beschimpfen. Auf der anderen Seite die „Querdenker“, die das „hörige Volk“ für seine Dummheit verurteilen. Mit jedem Tag der seit Corona ins Land geht, nehme ich wahr, dass der Spalt zwischen diesen beiden Lagern immer breiter wird. Jeder fühlt ich im Recht und setzt den anderen ins Unrecht und je stärker die eine Seite die Andere ins Unrecht setzt, desto größer wird der Spalt – ein Teufelskreis.

Ich habe mir diese Entwicklung eine Weile angesehen. Irgendwann nehme ich allen Mut zusammen und treffe mich mit Gertrud. „Hey wie geht es Dir denn so in dieser besonderen Zeit?“ sage ich. Und sie beginnt zu erzählen: Von falschen Corona-Zahlen des Robert-Koch Instituts, von Bill Gates und der Weltelite die mit Hilfe von Corona alles unter ihre Kontrolle bringen will. Genau an dieser Stelle habe ich zwei Möglichkeiten:

Rote oder blaue Pille?

A.) Ich erzähle ihr, dass ich das was sie da sagt und teilt für Schwachsinn halte. Das ich sie immer für sehr intelligent gehalten habe, aber dass sie irgendwelchen Verschwörungstheoretikern auf den Leim gegangen ist und den Bezug zur Realität verloren hat. Im Affekt würde ich vielleicht so reagieren, denn das was sie erzählt entspricht so überhaupt nicht meiner Lebensrealität. Es macht mir Angst und wenn der Mensch in Angst ist, dann denkt er mit seinem Reptilienhirn und das kennt nur Kampf oder Flucht. Mal davon abgesehen, dass ich keine Beweise habe die belegen, dass meine Realität die Wahrheit und ihre die Illusion ist. Meine Vernunft sagt mir: Wenn ich sie jetzt belehre, bewerte, verurteile oder beschimpfe erreiche ich gar nichts. Es wird lediglich dazu führen, dass sie sich von mir abwendet und zusätzliche Bestätigung in ihrem neuen Umfeld findet. Ich trage also maßgeblich dazu bei, ihre Haltung und diese Bewegung zu stärken.

B.) Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden: Statt über sie und ihr Verhalten zu urteilen, bin ich bei mir geblieben und habe gesagt: „Hey Gertrud. Das was Du da erzählst, das macht mir Angst. Die Vorstellung in einer Welt zu leben in der es Mächtige gibt die die Strippen ziehen, erzeugen ein Gefühl von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Verzweiflung in mir. Ich gewinne jeden Tag die Kraft für mein Handeln aus der Vorstellung, dass ich etwas bewegen kann. Wenn ich die Macht an eine Instanz im Außen abgebe, reißt es mir den Boden unter den Füssen weg und ich werde in meinem Handeln gelähmt. Es entsteht Resignation, weil ich meine sowieso nichts bewegen zu können. Eine furchtbare Vorstellung. Ich ziehe so viel Energie aus meinem Schaffen und Wirken. Es beflügelt mich das Gefühl zu haben etwas bewegen zu können und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht den Menschen dieses Gefühl von persönlicher Wirkungsmacht zu schenken und ihnen zu helfen in ihre Kraft zu kommen. Ich finde es wertvoll zu spüren, dass wir mächtige Wesen sind, die einen Beitrag leisten können. Die Vorstellung einer resignierten, gelähmten Gesellschaft ängstigt mich. Denn ich glaube ganz fest daran: Wenn jeder diese Macht für sich spürt und in seinem (wenn auch kleinen) Umfeld ins Handeln kommt, dann können wir ganz ganz viel bewegen.“

Eine besondere Begegnung

Und plötzlich entsteht ein ganz herzliches Gespräch. Nachdem ich von meinen Gefühlen erzählt habe, berichtete sie mir davon wie enttäuscht sie ist, dass ihr Vertrauen missbraucht wurde. Sie erzählte mir von ihrer Wut, ihrer Angst und einer furchtbaren Hilflosigkeit. Sie schläft schlecht und wacht oft mitten in der Nacht auf, weil die Gedanken kreisen und sie nicht weiß, was die Zukunft für ihre Kinder und Enkel bereit hält. Und sie erzählt mir auch von ihrer Einsamkeit, denn Menschen die ihr wichtig sind wenden sich von ihr ab und beschimpfen sie.

In dem Gespräch ist so viel Nähe und Mitgefühl entstanden. Wir haben verstanden, dass wir auf der Sachebene nicht zusammen kommen, also haben wir die Inhalte und das Außen ausgeklammert und über unsere Gefühle und Bedürfnisse gesprochen. Auf diese Weise konnten wir erfahren, dass wir ganz viel miteinander teilen: Angesichts der aktuellen Situation erleben wir beide existenzielle Gefühle von Angst und Ohnmacht. Sie, weil ein Staat dem sie nicht mehr vertrauen kann, ihr ihre Grundrechte zu entziehen versucht. Ich, weil ich mit Sorge beobachte wie die Anti-Corona-Demos zunehmen. Im Gespräch ist es uns gelungen uns auf Augenhöhe offen und mitfühlend zu begegnen. Dabei hat keiner die Nöte des Anderen abgewertet oder verurteilt. Auf diese Weise haben wir die Spaltung wegen unserer unterschiedlichen Ansichten für eine Moment überwunden und ehrliche Nähe aufgebaut.

Die Moral von der Geschicht‘

Ich habe in den vergangenen Monaten eine ganze Reihe solcher Begegnungen erleben dürfen. Das Potpourri an Erlebnissen und Erkenntnissen ist in diese Geschichte geflossen.

Allen Begegnungen war etwas gemein: Sie waren immer erfüllt von gegenseitiger Offenheit, Wertschätzung und ganz viel Erleichterung auf beiden Seiten. Das mag nicht immer funktionieren, denn es gibt auch ganz schön radikale Gesellen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass Angst, Wut, Schmerz oder Feindseligkeit keine menschlichen Grundbedürfnisse sind. Diese Gefühle sind das Resultat von Bedürfnissen die nicht erfüllt wurden. Bedürfnisse wie der Wunsch nach Sicherheit, nach Wertschätzung nach Halt, Trost oder Gemeinschaft.

So oft wird im gesellschaftlichen Diskurs das Wort „Solidarität“ verwendet. Aber es ist kein Kunststück sich für die Leute einzusetzen, die sowieso schon auf meiner ideologischen Schiene unterwegs sind. Echtes, solidarisches Verhalten bedeutet für mich, mich Menschen zuzuwenden die in Not sind. Gertrud hat sich verlassen gefühlt – vom Staat und von ihren Freunden. Das hat dazu geführt, dass sie noch intensiver auf irgendwelchen Webseiten Bestätigung, Trost und Verbündete gesucht hat. Ich habe Gertrud vielleicht nicht „bekehrt“, aber darum ging es mir in unserem Gespräch auch nicht. Es ging darum Spaltung zu überwinden und Begegnung zu schaffen.

Wir können jeden Tag selber entscheiden, ob wir mit unseren Worten und Taten Menschen die existenzielle Ängste empfinden ausgrenzen. Aus unterschiedlichen Meinungen werden Lager, Lager fördern Radikalität und Extremismus. Damit treiben wir die Spaltung der Gesellschaft weiter voran und schaffen eine Kultur der Feindseligkeit, der Trennung und Vergeltung. Oder ob wir uns dafür entscheiden Begegnung zu schaffen und die Gemeinsamkeiten (statt der Unterschiede) in den Mittelpunkt zu stellen um bei aller Vielfalt zu einer starken Gemeinschaft zusammen zu wachsen. Denn was Demokratie vor allem braucht ist der Dialog.

Photo by Wesley Tingey on Unsplash

4 Kommentare zu „Solidarität mit Querdenkern?

  1. Liebe Madeleine, vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag. Es ist ein sehr anschauliches Beispiel, wie gewaltfreie Kommunikation den Knoten lösen kann.Eine Begegnung auf der Ebene unserer Bedürfnisse ist ein echter Schlüssel, den Graben zu überwinden.

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  2. Liebe Madeleine, ich fand deinen Beitrag super! Ich wolle ihn erst mal gar nicht lesen… Irgendwie macht mich das Thema fast aggressiv, weil ich gar kein Verständnis für diese Menschen habe und ich empfinde sie sogar als Bedrohung. Mich macht diese Spaltung in der Gesellschaft auch traurig und weiß noch nicht, wie ich damit umgehen sollte. Du erzählst da ein sehr schönes Beispiel. Danke dir.:)

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    1. Danke liebe Nadine, dass Du Deine Gedanken mit mir teilst. Ich kann wahnsinnig gut nachempfinden wie es dir geht. Viele Wochen hat mich das Thema aggressiv gemacht und ich wollte es einfach von mir weg schieben. Irgendwie habe ich aber gemerkt, dass ich ihm nicht entrinnen kann und weil ich mich nicht hilflos fühlen wollte habe ich es auf diese Weise versucht und konnte sehr viele sehr herzliche Gespräche führen.

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